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Verputzt sich der Verputz? Ohne Putze und Mörtel gab es einst kein Bauen.

 

Interview „Der Österreichische Baustoffmarkt“ mit Dirk Zumbansen, Geschäftsführer RÖFIX Österreich

Ohne Putze und Mörtel gab es einst kein Bauen. Sowohl beim Mauerwerksbau, der Fassade und beim Innenausbau war er unverzichtbar. Das hat sich radikal geändert. Neue Bauweisen haben dieser Produktgruppe arg zugesetzt. Der boomende Trockenbau, die gängigen Dünnschicht-Fassadensystemen, die Klebetechnik beim Mauerwerksbau, alternative Fassadensysteme, sie alle kommen ohne Putz und Mörtel im herkömmlichen Sinn aus. Fast scheint es also, als seien sie nun bald verzichtbar. Schnelle, kostengünstige und einfach zu verarbeitende Ersatzlösungen können aber durchaus auch Nachteile gegenüber der konventionellen Putz- und Mörteltechnik haben, die Dirk Zumbansen von der RÖFIX AG im Gespräch mit dem ÖBM bestätigt.

1) Ohne Putze/Mörtel gab es einst kein Bauen. Sowohl beim Mauerwerksbau, der Fassade und im Innenausbau war er unverzichtbar. Es scheint so, als sei er nun bald verzichtbar. Oder?  Haben nicht neue Bauweisen dieser Produktgruppe arg zugesetzt, Stichworte Trockenbau, Fassadensysteme, Klebetechnik?
Klebetechnik: Nicht alles was modern ist, ist gleichzeitig gut oder besser als altbewährtes. So verzichtet man im Mauerwerksbau z.B. bei Schaumklebetechniken vollkommen auf die vollflächige Deckelung der Lagerfuge und öffnet der Konvektion und somit unkontrollierter Tauwasserbildung im Mauerwerk Tür und Tor. Ist es einerseits bei Deckel- und Mauermörteln Vorschrift die Konvektionsmöglichkeiten durch vollflächige Deckelung der Lagerfugen zu unterbinden, scheint es beim Einsatz von Schäumen keine Rolle zu spielen.
Trockenbau: Im Wohnbau früher nur im Holzbau üblich, findet man heute immer öfter, sogar im Einfamilienhausbereich, Trockenbauwände in Massivbauten. Diese „Schnellbauweisen“ gehen auf Kosten der Wohn- und Produktqualität. Hellhörige Wände, statisch fragwürdige Konstrukte und letztendlich ein Mangel an Behaglichkeit sorgen dafür das man im Nachhinein darüber nachdenken könnte „hätte ich es doch anders gemacht“.
Fassadensysteme: Verschiedene Bauweisen benötigen verschiedene aber dazu passende Fassadenlösungen. So macht es einerseits Sinn Wandbildner aus Beton, Mantelbeton, oder schmalen Ziegeln zu dämmen und andererseits bei hochdämmenden Ziegelmauerwerk (Anm: 50er Ziegel oder innen gedämmte Ziegel) vollkommen auf Dämmsysteme zu verzichten und stattdessen zu verputzen.
Eine zusätzliche Dämmung oder das ausschließliche Spachteln auf diesen Wandbildnern sind zu einen Überflüssig und zum anderen nicht Stand der Technik.

2) Was sind denn die konkreten Vor-/Nachteile des herkömmlichen Putzes und  des Mauermörtels?
Jeder Putz und Mörtel benötigt eine definierte Menge an Wasser und festgelegte Stand- und Trocknungszeiten. Das kann sich bei kurzen Bauzeiten theoretisch Nachteilig auswirken.
Achtet man jedoch darauf dass das Gewerk während der Ausführungszeit so geschützt wird wie es die allgemeinen Regelwerke vorsehen  kann man dabei nicht wirklich von einem Nachteil sprechen.
Die Vorteile hingegen sind vielfältig. Akustik, Behaglichkeit, Regulierung von Luftfeuchte und CO2, Wärmespeicher durch Masse, Massiv, Langlebig und Nachhaltig sind nur einige Schlagwörter dazu.

3) Dieser Sortimentsbereich war doch für Handel und Industrie ein ganz wichtiger Umsatzträger. Wie sieht es damit heute aus? Was ist davon geblieben?
Wichtige Umsatzträger für Handel und Industrie sind Putz und Mörtel nach wie vor. Veränderte Bauweisen verdrängen die Flächen dieser Produkte zunehmend. Schaum und Spachtelmassen sind wesentlich einfacher anzuwenden als Mörtel und Putz was dem teuren Faktor Zeit entgegenkommt. Der Handel muss mit der Mode gehen um den Ansprüchen und Wünschen der Kunden gerecht zu werden. Einfach in der Beratung, einfach in der Anwendung. Das ist eine win-win Situation für Händler und Kunden ohne Rücksichtnahme auf die Nachhaltigkeit und Langlebigkeit.

4) Wird im Bereich Putze und Mörtel weiterhin geforscht bzw. entwickelt? Was wird da kommen? Wo liegt die  „Putzzukunft“?
Putz und Mörtel wird es, soweit ich das aus heutiger Sicht beurteilen kann, immer geben. Natürlich werden diese Produkte ständig weiterentwickelt und an neuen Ideen gearbeitet. Im Bereich Dämmung von Innen- und Außenwänden wird der hochdämmende Putz die herkömmliche Dämmplatte auf kurz oder lang ersetzen. Fugenlos, Hohlraumfrei, nicht brennbar, hochwärmedämmend und ökologisch sind in einem Putz einfach zu vereinende Eigenschaften.

Wohnanlage Wenger

Vierkanthof

5) Wie sieht das Baugewerbe die Zukunft des Putzes? Will es ihn überhaupt noch?
Das Wärmedämmverbundsystem hat den Putz fast zur Gänze von den Fassaden verdrängt. Der hochwärmedämmende Ziegel gibt dem Putz an der Fassade wieder eine neue Chance und ermöglicht dem Baugewerbe neue qualitativ hochwertige Geschäftsfelder. Natürlich wird das Baugewerbe diesbezüglich gespalten sein. Wer aber die Chance erkennt sich diesbezüglich zu differenzieren wird den Putz wollen.

6) Die Putzverarbeitung erfordert zumindest Grundfertigkeiten des Maurerhandwerks. Wer hat die in Zukunft noch? Gibt es ein „Putzakademie“?
Leider herrscht wegen der WDVS Lastigkeit akuter Fachkräftemangel für die Putzfassade. Richtige Verputzer gab es nahezu nur mehr im Innenbereich. Das einlagige Verputzen von Innenwänden hat aber de facto nichts mit dem mehrlagigen Verputzen an der Fassade zu tun. Die Handwerker müssen dieses Gewerk wieder erlernen da das Wissen von den Verputzern der 70er und 80er nicht an den Nachwuchs weitergegeben wurde. Das Problem setzt sich an der Putzoberfläche fort. Einfache Abriebe sind das was Jahrzehntelang praktiziert wurde. Dekorative Verputzmöglichkeiten für individuelle Oberflächen benötigen bewusstes Handwerk. In der RÖFIX Akademie werden Handwerker auf neue „alte“ Systeme und deren Ausführung für den Markt vorbereitet. Ebenso bildet die Österreichische Arbeitsgemeinschaft Putz (ÖAP) in Kooperation mit den Industrien und den Bauakademien Handwerker in der Putztechnik aus.

7) Was sind denn im Moment die Schwerpunkte der ARGE Putz/Mörtel?
Das muss die ARGE Putz/Mörtel gefragt werden.

8) Der Baustofffachhandel ist traditionell eher der „Bedarfsdecker“, nicht so sehr der „Bedarfswecker“. Trotzdem: Kann der Baustoffhandel etwas beitragen, damit sich der Verputz in Zukunft nicht verputzt?
Ja, Qualitäts- statt Preisorientiertem Denken. Wir bieten jedes Jahr in allen Bundesländern Weiterbildungen für alle Handelspartner an und freuen uns über jeden einzelnen Teilnehmer der zu uns kommt. Vielleicht auch einmal der erste mit einem Produkt sein das noch nicht in Tonnen über den Ladentisch geht aber das Potential dazu hat. So kann man sich einen Vorsprung gegenüber anderen sichern und wird nicht so einfach austauschbar. Und letztendlich zurückkehren zu echten Partnerschaften. Jedes gut funktionierende Team funktioniert um ein mehrfaches besser als der einzelne.